Deine letzte Reise

„Wahrscheinlich werden wir uns nicht mehr wiedersehen …“

Du hast Tränen in den Augen, schaust mich traurig an. Mein wenige Monate alter Sohn schläft ruhig im Tragetuch. Sanft lege ich meine Hand auf seinen Rücken. Ich spüre jeden seiner Atemzüge. Dann schweift mein Blick wieder zu dir. Deine Unterlippe zittert.

„Doch, doch! Warum sollten wir uns nicht mehr sehen?“, antworte ich und lächle dich an. Viel Leid ist in deinem Leben passiert, das eine oder andere durch dich selbst: Durch deine Hand, durch deine Worte; in Rage, in Wut, in der Meinung, dass Erziehung so funktioniert. Ob du wohl gelegentlich daran denkst? Ob du heute einiges anders machen würdest?

Noch immer schaust du mich mit feuchten Augen an. Du bist alt geworden. Dein schwerer Körper sitzt im Rollstuhl. Du hast keine Kraft mehr, das Gewicht selbst zu tragen. Doch dein Geist ist nach wie vor wach. Du sprichst wenig, hast mir gegenüber oft geschwiegen, dir deine Gedanken gemacht, mich selten daran teilhaben lassen. Warum? Wolltest du ein bestimmtes Bild von dir aufrechterhalten? War ich es als Enkelin nicht würdig, deine Gedanken zu hören?

Mein Sohn wird leicht unruhig. Er hängt eng umschlungen an mir. Ich beginne sanft zu wippen und klopfe sacht auf den windeldicken Po. Das beruhigt ihn und gibt mir kurz Zeit, über deinen Satz nachzudenken. Doch ich schweife sofort wieder ab.

Dir mag meine Art der Kindererziehung fremd erscheinen. Als du geboren wurdest, wurden Kinder nicht so ernst genommen. Brav sollten sie sein. Ruhig in der Wiege liegen und schlafen. Bloß nicht zu viel Arbeit machen. Wie du wohl mit wenigen Monaten warst? Hast du damals auch schon so viel geschwiegen, oder musstest du das auf die harte Tour erlernen?

Von deiner Kindheit hast du mir nie erzählt. Deine Erzählungen beginnen frühestens, als du als Jugendlicher, noch kein volljähriger Mann, in den Krieg eingezogen wurdest. Nicht lange. Aber es war prägend. Wenn du die Passage erzählst, wie du ausgehungert und abgemagert nach Hause kamst und deine Mutter dich im ersten Moment nicht erkannte, wirst du jedes Mal emotional. Nach all den Jahren …

Die Erinnerung ist lebendig.

Der Schmerz sitzt noch immer tief,

ist resistent.

Er bleibt ein Leben lang.

Ich verabschiede mich und gehe in Richtung Ausgang. Dort drehe ich mich noch einmal um. Unsere Blicke kreuzen sich. Du siehst mich flehend an. Irritiert lächle ich dir zum Abschied zu, dann verlasse ich das Altenheim. Erst draußen wird mir klar, was du mir eigentlich mitteilen wolltest: Du rechnest damit, deine letzte Reise anzutreten. Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Ich habe das nicht sofort begriffen – ich wollte es nicht begreifen.

Ich halte mich an meinem Sohn fest. Nach wie vor schläft er ruhig, nur ab und an gibt er einen leisen Seufzer von sich. Meine Gedanken schlagen Purzelbäume, fahren Achterbahn und stehen Kopf – alles auf einmal. Erst vor Kurzem habe ich meinem Kind das Leben geschenkt, es macht sich gerade erst auf den Weg. Und du …

Du scheinst zu spüren, dass dein Leben bald zu Ende sein wird. Wie muss sich das wohl anfühlen? Bist du darauf vorbereitet? Ich habe den Eindruck, dass es dich belastet. Du fürchtest dich vor der letzten Erfahrung, auf die wir alle seit unserem ersten Atemzug zusteuern. Doch du sprichst nicht direkt darüber. Vor allem willst du niemandem zur Last fallen.

Zwei Tage später kommt der Anruf. Du bist in den frühen Morgenstunden allein in einem Zimmer verstorben, das nie lange auf die nächste Belegung warten muss. Für einen Moment scheint meine Welt stillzustehen. Ja, du warst alt und dein Körper war zerbrechlich, und trotzdem trifft mich die Nachricht wie eine Nadel ins Herz.

Ich raffe mich auf, packe meinen Sohn ins Auto und fahre zu dir. Wie nah Leben und Tod doch beieinanderliegen – darüber denke ich seit unserem letzten Treffen immer wieder nach. Nun stehe ich erneut vor dir. Nur sitzt du nicht mehr vor mir, lächelst mich nicht mehr an, sondern dein Körper liegt aufgebahrt da.

Wo du jetzt wohl bist?

Ich fühle mich irgendwie eigenartig. Mir wird mulmig im Magen und Tränen kullern über meine Wangen. Im Tragetuch schläft mein Sohn. Er schläft ruhig. Auch du siehst ruhig aus.

Kurz darauf betritt eine Pflegerin den Raum. Sie streckt mir die Hand entgegen und spricht mir ihr Mitgefühl aus. Dann geht sie zum Fenster und öffnet es. Sie erklärt mir, dass die Seele so leichter ihren Weg finde.

Die Villa Vergissmeinnicht

steht einsam und verlassen

in der untergehenden Sonne.

Du wirst sie nicht mehr betreten.

Die Trauben

reifen prächtig und süß

an den von dir gepflanzten Reben.

Du wirst sie nicht mehr ernten.

Das Wasser

plätschert sanft und stetig

durch die Jahreszeiten hindurch.

Du wirst es nicht mehr spüren.

Dein Herz

steht still,

es schlägt nicht mehr.

Ein letztes Mal verabschiede ich mich von dir und wünsche dir eine gute Reise – wohin sie dich auch führen mag …

© Fiona Novale - in lieber Erinnerung …