Verschlungene Pfade

Manche Menschen behaupten, das Leben sei wie eine Achterbahn: ein ständiges Auf und Ab. Ich hingegen bin der Meinung, dass das Leben aus einem Geflecht von vielen verschlungenen Pfaden besteht. Es sind diese zahlreichen verzweigten Wege, die wir ein Leben lang beschreiten.

Selten sind diese Passagen geradlinig, meist sind es Abschnitte, die nur mit Anstrengung zu bewältigen sind. Gelegentlich führen sie entlang von Abgründen, lassen Tiefes erblicken und rütteln gerade deshalb wach. Manchmal sind unsere Lebenswege wiederum voller Kehren oder enden in Sackgassen, sodass ein Weiterkommen ohne Umkehr unmöglich wird, auch wenn diese Einsicht keine leichte ist.

Mein eigener Lebensweg fühlt sich an wie ein steiler Bergpfad. Er kostet Mühe und Kraft, das Weiterkommen gelingt nur zäh und die Luft wird mit zunehmender Höhe dünner. Obwohl ich von Natur aus ungeduldig bin, zwingt mich dieser Weg zu Ausdauer und Geduld. Immerhin führt er weiter – Schritt für Schritt. Das ist ein Trost, wenngleich nur ein kleiner.

Einen meiner steinigsten Pfade betrat ich bereits in frühester Kindheit. Er hängt eng mit meiner Selbstwahrnehmung, meinem Harmoniebedürfnis und meinem Antrieb, anderen zu gefallen, zusammen. Über Jahre schleppte ich einen schweren Rucksack voller vererbter Altlasten, gesellschaftlicher Erwartungen und falscher Vorstellungen mit mir herum.

Möglichkeiten zu verschnaufen?

Fehlanzeige!

Weitergehen, weiterschleppen, weiterhin funktionieren.

Ich ließ mich einfach mitreißen und übernahm unreflektiert gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten. Was zählte? Das Bild, das ich nach außen hin abgab, der Eindruck, den ich bei anderen hinterließ, das Gefühl, dass ich gefiel und dadurch gut genug war.

Die Schubladen, in die ich mich dabei zwängte – oder es zumindest versuchte –, erfüllten nur für kurze Zeit ihren Dienst. Meist tat es einfach nur weh. In den Schubladen war einfach kein Platz, um sich zu strecken, sich zu entfalten, Neues zu entdecken. Dadurch ist über Jahre etwas Essentielles auf der Strecke geblieben: ich selbst.

Jahrelang versuchte ich also, meinen Ballast wie mit einer fest angezogenen Handbremse den steilen Bergweg hinaufzuschleppen. Ich dachte mir, das sei eben normal.

„Normal“ – was für ein Wort! Einer Norm zu entsprechen, ist, als würde man sich in eine enge Box quetschen lassen, nur um anschließend leichter stapelbar zu sein. Dabei war es genau das, was ich mir sehnlichst wünschte: irgendwo anzukommen und angenommen zu werden, ein Teil von etwas zu sein, aus einem Niemand ein Jemand zu werden.

Mein Inneres kollidierte ständig mit der Umwelt, schien nicht kompatibel mit der Gesellschaft. Dieser unsichtbare Kampf war es, den ich als Muss empfand, um in den Wirren des Daseins bestehen zu können.

Ja, früher schämte ich mich vielleicht sogar ein klein wenig dafür, keine glattgeschliffene Oberfläche zu sein. Heute freue ich mich über jeden Bruch und jede raue Stelle – denn sie sind es, die mich greifbar machen.

© Fiona Novale